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Praxis & Dokumentation

Haftzugprüfung in der Betoninstandsetzung: Was, Wann und Wie dokumentieren

Die Haftzugprüfung ist eine der zentralen Qualitätssicherungsmaßnahmen in der Betoninstandsetzung. Sie misst die Verbundfestigkeit zwischen dem aufgetragenen Instandsetzungsprodukt und dem Untergrund-Beton — und ist bei standsicherheitsrelevanten Reparaturmaßnahmen nach EN 1504-3 (Prinzipien P3 und P4) verpflichtend. Gleichzeitig ist die Haftzugprüfung einer der häufigsten Lückenpunkte in der Eigenüberwachungsdokumentation: Fehlende Soll-Wert-Angaben, nicht dokumentierte Messzeitpunkte oder unvollständige Prüfprotokolle führen regelmäßig zu Nacharbeit vor dem Fremdüberwachungstermin.

Schnellübersicht Haftzugprüfung

Normbezug:
EN 1504-3, EN 1542 (Prüfverfahren), TR Instandhaltung
Grenzwert:
≥ 0,8 N/mm² (EN 1504-3, Klasse R1–R4)
Wann Pflicht:
Bei Betonersatzmaßnahmen (P3/P4), ÜK 2 und 3
Mindestprobenanzahl:
≥ 3 je Teilbereich / Arbeitsabschnitt (SKP legt fest)
Prüfgerät:
Haftzugprüfgerät mit kalibriertem Messsystem (z. B. Dyna Z oder vergleichbar)
Prüfzeitpunkt:
Nach ausreichender Erhärtung (laut Produktdatenblatt, mind. 28 Tage bei Standardmörteln)

Was ist die Haftzugprüfung?

Die Haftzugprüfung — auch Pull-off-Test oder Abreißversuch genannt — misst die Kraft, die erforderlich ist, um einen aufgeklebten Prüfstempel senkrecht von der Betonoberfläche oder der Instandsetzungsschicht abzureißen. Das Ergebnis ist die Haftzugfestigkeit in N/mm² (Newton pro Quadratmillimeter).

Das Prüfverfahren ist in EN 1542 normiert. Es wird ein Stahlprüfstempel (typischerweise 50 mm Durchmesser) auf die zu prüfende Fläche aufgeklebt. Nach Aushärtung des Klebers wird die Fläche kreisförmig eingeschnitten (Kernbohrung oder Diamant- Kreissäge), um den Prüfkörper vom Restbeton zu isolieren. Dann wird der Stempel mit dem Haftzugprüfgerät senkrecht abgezogen — die gemessene Kraft dividiert durch die Fläche des Prüfstempels ergibt die Haftzugfestigkeit.

Entscheidend für die Auswertung ist nicht nur der Zahlenwert, sondern auch das Bruchbild:

Kohäsionsbruch im Untergrund

Bruch im Altbeton unter der Verbundfuge — Haftzug ausreichend, Grenzwert bezieht sich auf den Untergrund selbst.

Adhäsionsbruch an der Verbundfuge

Bruch an der Grenzfläche zwischen Instandsetzungsmörtel und Altbeton — kritisch, wenn Wert unter 0,8 N/mm².

Kohäsionsbruch im Reparaturmörtel

Bruch innerhalb des Reparaturmörtels — Produktfehler oder unsachgemäße Verarbeitung; Nacharbeit erforderlich.

Wann ist die Haftzugprüfung Pflicht?

Die Pflicht zur Haftzugprüfung ergibt sich aus der gewählten Überwachungsklasse und dem angewendeten Instandsetzungsprinzip:

SituationHaftzugprüfungNormbezug
Betonersatz P3/P4, ÜK 2 oder 3PflichtEN 1504-3, TR Instandhaltung Teil 1
Oberflächenschutz P1/P2, ÜK 2 oder 3Empfohlen (SKP legt fest)EN 1504-2, Instandsetzungskonzept SKP
Betonersatz P3/P4, ÜK 1EmpfohlenEN 1504-3
Kathodischer Schutz P11Nicht maßgebendEigene Prüfanforderungen nach EN ISO 12696

Bei Überwachungsklasse 2 und 3 mit Betonersatzmaßnahmen ist die Haftzugprüfung damit nahezu immer Pflicht. Mehr zu den Überwachungsklassen im Artikel Überwachungsklassen Beton 1, 2 und 3.

Soll-/Ist-Werte: Normativer Grenzwert nach EN 1504-3

EN 1504-3 legt den Mindestwert der Haftzugfestigkeit auf ≥ 0,8 N/mm² fest. Dieser Wert gilt für alle Leistungsklassen (R1 bis R4) als Untergrenze. Produkte der Klassen R3 und R4 (statisch wirkend) haben in der Praxis durch ihre höhere Produktfestigkeit oft höhere Messwerte — der normative Grenzwert von 0,8 N/mm² bleibt jedoch maßgebend für die Dokumentationspflicht.

Soll-/Ist-Dokumentation in der Praxis

FeldSollwertIstwert (Beispiel)Bewertung
Haftzugfestigkeit Probe 1≥ 0,8 N/mm²1,4 N/mm²✓ Bestanden
Haftzugfestigkeit Probe 2≥ 0,8 N/mm²1,1 N/mm²✓ Bestanden
Haftzugfestigkeit Probe 3≥ 0,8 N/mm²0,6 N/mm²✗ Nicht bestanden — Nacharbeit

Beispielhafte Soll-/Ist-Dokumentation wie sie in der Fremdüberwachungs-Mappe erscheinen muss.

Neben dem Zahlenwert muss das Protokoll das Bruchbild dokumentieren (Kohäsionsbruch / Adhäsionsbruch / Mischbruch), die Probennummer, den Prüfzeitpunkt (Datum, Uhrzeit), den Prüfer und das Prüfgerät mit Kalibrierdatum.

Durchführung der Prüfung: Ablauf Schritt für Schritt

1
Untergrund prüfen und Fläche auswählen: Prüfstellen repräsentativ über die instand gesetzte Fläche verteilen — nicht nur an optisch auffälligen Stellen. Abstand zur Reparaturkante mindestens 50 mm.
2
Prüfstempel aufkleben: Stahl-Prüfstempel (50 mm Ø) mit geeignetem Kleber (Epoxidharz) aufkleben. Kleber vollständig aushärten lassen — bei Epoxidharz typisch 24 h bei 20 °C.
3
Kreisförmig einschneiden: Prüfkörper mit Diamant-Kernbohrung (55–60 mm Ø) vom Umgebungsbeton trennen — Tiefe mindestens 10 mm in den Altbeton, um den Verbund vollständig zu erfassen.
4
Haftzugprüfgerät aufsetzen und Kraft aufbringen: Gerät senkrecht auf den Stempel aufsetzen. Kraft gleichmäßig und stetig steigern (ca. 0,05 N/mm²/s nach EN 1542) bis zum Bruch — maximale Kraft und Bruchbild ablesen und protokollieren.
5
Protokoll erstellen: Sofort nach der Prüfung: Messwert in N/mm², Bruchbild (Skizze/Foto), Prüfzeitpunkt (Datum + Uhrzeit), Prüfer, Gerät + Kalibrierdatum, Prüfstellenkoordinate auf dem Lageplan der Instandsetzungsfläche.

Ergänzende Prüfungen der Bauwerksdiagnostik

Die Haftzugprüfung steht nicht allein — sie ist Teil eines größeren Prüf- und Dokumentationspakets, das die Bauwerksdiagnose begleitet. Typische ergänzende Prüfungen:

Karbonatisierungstiefenmessung

Phenolphthalein-Indikator: Aufgesprühte Lösung verfärbt karbonatisierungsfreien Beton violett — die Grenze ist sichtbar und messbar. Dokumentiert die Eindringtiefe des CO₂ und damit das Korrosionsrisiko für die Bewehrung.

Normbezug: EN 14630

Chloridprofil-Messung

Bohrkernentnahme in mehreren Tiefenstufen, chemische Analyse des Chloridgehalts je Tiefe. Maßgebend bei Tausalzexponierten Bauwerken (Parkhäuser, Brücken). Ergibt das Chlorideindringprofil als Grundlage für Instandsetzungsprinzip und Expositionsklassenzuordnung.

Normbezug: EN 14629

Bewehrungsüberdeckungsmessung

Elektromagnetische Messung der Betonüberdeckung über der Bewehrung. Maßgebend für Expositionsklassen-Zuordnung und Entscheidung über Betonersatz. Dokumentiert im Lageplan.

Normbezug: EN 12504-4

Schichtdickenmessung

Nasschichtdickenmessung während der Verarbeitung (Kammrakel) und Trockenschichtdickenmessung nach Erhärtung (Magnetinduktion oder Wirbelstrom). Dokumentiert Einhaltung der Solischichtdicken aus dem Produktdatenblatt.

Normbezug: EN ISO 2808

Typische Dokumentationslücken und wie man sie vermeidet

Kein Soll-Wert im Protokoll: Der Ist-Messwert wird protokolliert, aber der normative Grenzwert (≥ 0,8 N/mm²) oder der projektspezifisch erhöhte Soll-Wert fehlt. Der Fremdüberwacher kann ohne Soll-Wert keine Konformitätsbewertung vornehmen.
Fehlender Prüfzeitpunkt: Ohne Datum und Uhrzeit ist nicht nachweisbar, ob die Haftzugprüfung nach ausreichender Erhärtungszeit des Mörtels (laut Produktdatenblatt, typisch 28 Tage) durchgeführt wurde.
Bruchbild nicht dokumentiert: Der Messwert allein reicht nicht — ohne Bruchbild-Angabe (Kohäsions-/Adhäsionsbruch, Prozentsatz) ist das Protokoll unvollständig.
Gerät nicht kalibriert: Haftzugprüfgeräte müssen kalibriert sein. Das Kalibrierdatum muss im Protokoll angegeben werden — ohne diesen Nachweis ist die Messung nicht verwertbar.
Lösung: Strukturierte Protokollvorlagen mit allen Pflichtfeldern vorausgefüllt — Prüfer muss nur Ist-Werte eintragen, nicht das Format aufbauen. BetonPilot liefert diese Vorlagen norm-nativ für jede Instandsetzungsmaßnahme.

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Häufige Fragen zur Haftzugprüfung

Was ist die Haftzugprüfung und warum ist sie bei Betoninstandsetzungen wichtig?

Die Haftzugprüfung misst die Verbundfestigkeit zwischen dem aufgetragenen Reparaturmörtel oder der Beschichtung und dem Untergrund-Beton. Sie stellt sicher, dass das Instandsetzungsprodukt dauerhaft haftet und keine Ablösungen auftreten, die die Wirksamkeit der Maßnahme gefährden würden. Bei Betonersatzmaßnahmen nach EN 1504-3 (Prinzipien P3 und P4) ist sie bei standsicherheitsrelevanten Instandsetzungen verpflichtend.

Welcher Mindestwert muss bei der Haftzugprüfung erreicht werden?

EN 1504-3 legt für statisch und nicht-statisch wirkende Reparaturmörtel einen Mindestwert der Haftzugfestigkeit von ≥ 0,8 N/mm² fest. Dieser Wert gilt für den Untergrund-Beton (Abreißfestigkeit des Untergrunds oder Verbundfuge). Der Sachkundige Planer kann im Instandsetzungskonzept höhere Anforderungen festlegen.

Wie viele Proben müssen bei der Haftzugprüfung entnommen werden?

Die Anzahl der Prüfkörper richtet sich nach dem Instandsetzungskonzept des SKP und der Größe der instand gesetzten Fläche. Als Richtwert gilt: mindestens 3 Prüfkörper je homogenem Teilbereich oder Arbeitsabschnitt. Bei großflächigen Maßnahmen sind entsprechend mehr Proben erforderlich. Die genaue Festlegung erfolgt im Instandsetzungskonzept.

Wer darf die Haftzugprüfung durchführen?

Die Haftzugprüfung kann vom ausführenden Betrieb im Rahmen der Eigenüberwachung durchgeführt werden, sofern das Personal entsprechend qualifiziert ist und das Prüfgerät kalibriert ist. Bei der Fremdüberwachung führt die anerkannte Güteprüfstelle Stichproben durch. Im Zweifelsfall legt das Instandsetzungskonzept des SKP fest, wer die Prüfung durchführt.

Was passiert, wenn der Haftzugwert unter 0,8 N/mm² liegt?

Liegt der gemessene Haftzugwert unter dem Grenzwert von 0,8 N/mm², muss die betroffene Fläche in der Regel nachgearbeitet werden. Der SKP entscheidet im Einzelfall, ob eine erneute Untergrundvorbereitung und Reprofilierung notwendig ist. Der Befund muss in jedem Fall vollständig dokumentiert und der Fremdüberwacher informiert werden.

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